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Hanau Gedenkkundgebung in Gelsenkirchen

Die Gesichter der 9 Opfer
Fotis Matentzoglou bei einer Gedenkrede zu Hanau im letzten Jahr

Am 21.02.23023 fand eine Gedenkkundgebung vor dem Hans-Sachs-Haus in Gelsenkirchen statt. Es ging um den Jahrestag der Hanau Morde, indem 9 Menschen kaltblütig durch einen rechtsterroristischen Anschlag ermordet wurden. DIE LINKE hat mit vielen weiteren Bündnispartnern an diesem Tag ein starkes Zeichen gegen Rechtsextremismus und Rassismus gesetzt und den Opfern ihre Ehre erwiesen.

 

 

Rede unseres Geschäftsführers Fotis Matentzoglou: 

 

Meine sehr geehrten Damen und Herren, liebe Gelsenkirchener und Gelsenkirchenerinnen,

Hanau war kein Einzelfall!!!

Es ist und bleibt ein feiger, rechtsterroristischer Anschlag, der sich einreiht, in viele weitere Tragödien, seit Bestehen der BRD. Denn die Spur rechtsextremen Terrors reicht weit zurück!

MÖLLN, SOLINGEN, ROSTOCK-LICHTENHAGEN, DER NSU, KASSEL, DER MORD AN WALTER LÜBCKE, HALLE UND VIELE WEITERE, BEKANNTE UND UNBEKANNTE ANSCHLÄGE VOR HANAU!

 

Und doch bedeutete Hanau für viele meiner Generation eine Zäsur! Es wurden junge Menschen ermordet, am helligten Tage in einer Shisha Bar. Hanau bedeutete damals: blanker Hass kann jeden treffen, auch dich! Zum ersten Mal verspürte ich Angst, Angst, dass selbst meine „Safe-Spaces“, seien es Shisha-Bars, türkische Teestuben oder griechische Cafés, nicht sicher vor rechtsextremen Terror  sind.

Es brachte mir vor Augen, dass Hanau auch vor meiner Haustür, vor meiner Stammkneipe oder auch hier in Gelsenkirchen hätte passieren können! Und gerade das, gerade das macht es umso gefährlicher.

Solange Politik und Presselandschaft weiterhin Menschen aus diesen Umfeld pauschal kriminalisieren und medial komplett falsche Bilder teilen, anstatt sich mit den Menschen und Inhabern dieser Bars auf Augenhöhe zu unterhalten und gemeinsam für mehr SOZIALE Sicherheit und Zusammenhalt zu sorgen, wird es noch weitere Rechte Taten geben.

Ich sage, geistige Brandstifter des Hasses gibt es genug, hören Sie endlich damit auf! Innenminister Reul sollte lieber Verantwortung übernehmen für NRW! Innenministerium und Verfassungsschutz ihre rechten Scheuklappen abnehmen! Die Gefahr für unsere vielfältige Gesellschaft steht nämlich rechts! Und garantiert nicht in Shisha-Bars.

Wie viele Anschläge, rechte Polizei Chats, institutionelle Gewalt an Migranten und blanken Rassismus kann man noch tolerieren, bis endlich konsequent gehandelt wird? Denn, und ich spreche hier aus eigener Erfahrung, die vermeintlich kriminellen Clans existieren in solchen Lokalitäten nicht. Da hilft auch die 30. Razzia nichts. Es sind und bleiben Menschen wie du und ich, Arbeiter, Angestellte, Studenten und Jugendliche, die teils hier geboren sind, hier zur Schule gingen, hier Ihre Steuern zahlen und arbeiten! Es sind unsere Mitmenschen, unsere Nachbarn und FREUNDE.

In Shisha-Bars sind wir nämlich alle willkommen! Es ist egal welcher Religion man angehört, welche Haarfarbe man hat, aus welchem Land man stammt: hier sind alle so willkommen, wie sie sind! Für mich hat diese Atmosphäre und das „Willkommensein“ auch einen symbolischen Charakter! Genau so haben sich garantiert auch die 9 Opfer von Hanau gefühlt: Sicher, anerkannt, willkommen!

Shisha Bars waren für meine Jungs und mich auch oft ein Rückzugsort, die letzte Bastion sozusagen, um an Wochenenden doch noch irgendwo ausgehen zu können. Nachdem man in hiesigen Clubs und Bars vor einer Tür zur nächsten abgewiesen worden ist, wurden wir dort immer herzlichst empfangen! Allein diese Geste zeigte uns, hier bist du willkommen, da nicht! Und so geht es vielen Jugendlichen mit internationaler Familiengeschichte! Es geht darum, sich willkommen und wertgeschätzt zu fühlen, als Teil der Gesellschaft akzeptiert zu werden.

 

Vieles änderte sich nach Hanau! Jetzt war auch noch der letzte „Safe-Space“ keine Option mehr: Aus Angst! Das konnten wir uns nicht nehmen lassen, umso wichtiger war es, jetzt zu handeln! Meine Angst hat sich in Eigeninitiative verwandelt. Als Demokrat ist es meine Pflicht aufzustehen und sich deutlich gegen Hetze, Rassismus, geistige Brandstifter und Terror zu stellen! NIE WIEDER, sagte ich mir.

Gemeinsam mit Inhabern solcher Bars organisierten wir uns, politisierten uns, haben Gedenkkundgebeungen und Demonstrationen durchgeführt, verfassten Resolutionen an Bund und Land! Denn auch politischer Druck, lückenlose Aufklärung und lebendige Erinnerungskultur sind Bestandteil unserer demokratischen Gesellschaft. Es war das erste Mal, dass ich mit so vielen Menschen, die eigentlich nichts mit Politik zu tun hatten, Inhabern und Kunden der Bars, über Politik sprach und sie bewegen konnte, zu kämpfen, um etwas zu verändern! Besonders diesen Menschen gilt mein Dank!

Wir waren uns einig, dass der Kampf für eine offene Gesellschaft Tag für Tag erkämpft werden müsse, von jedem einzelnen von uns, gerade von Menschen die von Rassismus betroffen sind! So auch heute, 3 Jahre nach dem Anschlag hier und gedenken gemeinsam, vielen Dank für euer zahlreiches Erscheinen.

Aber, lassen sie mich noch 2 Worte zur politischen und gesellschaftlichen Realität verlieren: Immer, wenn es sich um rechtsextrem motivierte Taten handelt, spricht man von Einzeltätern, versucht die Wahrheiten umzudrehen, Fakten und Daten zu verschleiern, alles kleinzureden und nicht weiter zu handeln!

Für mich ist das der größte Skandal, der auf dem Rücken unserer Mitmenschen, Nachbarn und Freunden geschieht.

-Ein heißes Eisen für die Politik, das nicht angefasst werden soll

-Populistische Hetze der Medien für eine Schlagzeile

-GIFT für die Gesellschaft

Wie viel muss noch passieren? Wenn Rechte den Bundestag zu stürmen versuchten, wird es doch höchste Zeit!

Höchste Zeit, dass auch die Regierenden erkennen, dass die Gefahr unserer Gesellschaft von Rechts kommt! Etwa 85% der politischen Gewaltstraftaten, Hasskriminalität, Rassismus und Antisemitismus sind rechtes Gedankengut! Müssen denn wieder Unterkünfte brennen oder schlimmeres passieren? Es braucht nicht noch weitere geistige Brandstifter, nur ein Umdenken!

Heute gedenken wir nicht nur den Opfern, wir setzten ein starkes Zeichen gegen rechten Terror, Rassismus und Diskriminierung! Für eine Gesellschaft, die offen, bunt und vielfältig ist! Sagen wir es laut: NIE WIEDER!

Vielen Dank und Glück auf