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Revue auf'm Heinrich: Viel zu wenig ist gesagt

Am Freitag, 06. August 2021 ab 18.30 Uhr präsentiert die LINKE Gelsenkirchen allen kulturinteressierten Gelsenkirchener*innen auf dem Heinrich König-Platz vor der Evangelischen Altstadtkirche ein besonderes kulturpolitisches Ereignis: Mit der Literarischen Revue „Viel zu wenig ist gesagt“ erinnern der Gelsenkirchener Musiker Norbert Labatzki & Friends an den Werkkreis Literatur der Arbeitswelt und damit an eine wichtige Facette der Gelsenkirchener Kultur „von unten“

Zusammen mit seinen Mitstreiterinnen Toma Neill und Anna Größbrink präsentiert Labatzki Texte und vertonte Gedichte von Arbeiterliteraten wie Richard Limpert, Ilse Kibgis, Kurt Küther, Frank Beier und Liselotte Rauner. Sie und viele andere hatten ab 1970 in Gelsenkirchen und anderswo Schreibwerkstätten aufgebaut um zu lernen, mithilfe der Kunst ihre Stimme als arbeitende Menschen zu erheben. Das Ergebnis waren lebensnahe und kritische Texte, die heute zum Erbe der Arbeiterkultur gehören und keineswegs „überholt“ sind. In spannenden 90 Minuten bietet der Abend eine Auswahl daraus und lässt die damaligen kulturell und politisch bewegten Jahre wieder lebendig werden.

 

Die Zeit der Arbeitskämpfe als Motiv

Bereits seit den 1980er Jahren stand Norbert Labatzki in engem Kontakt zu den Arbeiterschriftstellern. Als Mitglied des Duos „Zündholz“ vertonte er Texte des Werkkreises, führte viele Diskussionen um Textinhalte und trug so auch direkt zu einigen literarischen „Geburten“ bei.  Den besonderen Ansatz der Arbeiterkünstler formuliert er so:

„Die heutige junge Literatur-Szene schreibt ja kaum über die Zeit, die 2/3 ihres Lebens ausmacht, die Arbeitszeit für das eigentliche (Über)Leben. Für die Arbeiterschriftsteller war die Arbeitswelt, die dich kaputt macht, ein zentrales Thema. Ein weiterer Schwerpunkt war der Antifaschismus, also die damals noch lebendige Erinnerung an den Weltkrieg und seine Folgen. All das formulierten sie aus der Sicht der arbeitenden Menschen, denn Partei zu ergreifen stand für sie nicht im Widerspruch dazu, Kunst zu schaffen.“

Weil die genannten Themen heute so aktuell sind wie damals wird derjenige angenehm enttäuscht werden, der eine angestaubte Rückschau erwartet. Zum Konzept des Abends sagt Labatzki: „Die Revue wendet sich an ein literaturinteressiertes Publikum, sie ist kein reines Konzert, sondern ein Konzept, das auf vielfältige Weise noch einmal in die Zeit der Arbeitskämpfe, der Fronten zwischen Arbeitern und Eignern, der aufbrechenden politischen Strukturen und der Emanzipation der Frauen zurückgeht, ohne in Nostalgie oder Abwertung zu verfallen. Wir gehen stattdessen der Frage nach: Was ist vom damaligen literarischen und politischen Aufbruch geblieben? Kann, soll es heute weitergehen – und wie?“

Veranstalter des Abends ist der Gelsenkirchener Kreisverband „DIE LINKE“, der die mit finanzieller Hilfe des Landes NRW entstandene Revue schon viel früher auf die Bühne bringen wollte, was bislang jedoch an den Corona-Auflagen scheiterte. Aus Sicht der LINKEN sind die Erfahrungen des Werkkreises auch heute noch für alle fortschrittlichen Menschen von Bedeutung, wie Kreissprecher Hartmut Hering betont:

 

Aussprechen, was sonst keiner wagt

„Es geht letztlich um die Frage: Wo und wie können die arbeitenden Menschen ihre Interessen formulieren? Und wenn es sonst keiner tut, wie lernen sie, das selbst zu tun? Wie können sie sich kulturelle Ausdrucksformen aneignen? Die titelgebende, einem Gedicht von Richard Limpert entnommene Zeile „Viel zu wenig ist gesagt“ deutet ja bereits an, worum es im Werkkreis ging und um was die Revue kreist: Auszusprechen, was sonst keiner öffentlich zu sagen wagt über offene oder verdeckte Ausbeutung am Arbeitsplatz, über die Verachtung vieler Bürger gegenüber den „Malochern“, über die Profiteure von Aufrüstung und so weiter. Und da hat sich strukturell in den letzten 40 Jahren gar nicht so viel zum Besseren verändert. Oder wann haben Sie zuletzt in einer Fernsehtalkshow einen Arbeitslosen oder einen Mechaniker gesehen, der da ausführlich seine Meinung als abhängig Beschäftigter formulieren konnte? Diesen Anspruch wieder zu erheben, das können wir vom Werkkreis lernen.“

Künstler*innen und Veranstalter hoffen, dass möglichst viele heutige Kulturschaffende und Kulturinteressierte die Text- und Musikbeiträge genießen, den Beitrag des Werkkreises zu einer Kultur von und für arbeitende Menschen (wieder) kennenlernen und darüber nachzudenken, wie heute eine zeitgemäße Kunst und Kultur im Interesse der abhängig Beschäftigten aussehen könnte – in Gelsenkirchen und darüber hinaus.

 

Veranstaltungsort

Vor den Treppen der evangelischen Altstadtkirche

Heinrich-König-Platz, 45879 Gelsenkirchen