Gelsenkirchen bekommt das fünfte Ghost Bike

Die Linke Gelsenkirchen, Michael Voregger

An der Ecke Wickingstraße/Wildenbruchstraße wurde ein sogenanntes Ghost Bike aufgestellt. Das komplett weiß lackierte Fahrrad erinnert an die zwölfjährige Radfahrerin, die dort am 27 Januar 2026 bei einem Verkehrsunfall mit einem LKW tödlich verunglückt ist. Es ist bereits das fünfte Ghost Bike in Gelsenkirchen – ein weiteres Mahnmal für die Gefahren im Straßenverkehr.

Mahnmal für eine getötete Radfahrerin – und Auftrag für eine andere Verkehrspolitik

An der Ecke Wickingstraße/Wildenbruchstraße wurde ein sogenanntes Ghost Bike aufgestellt. Das komplett weiß lackierte Fahrrad erinnert an die zwölfjährige Radfahrerin, die dort am 27. Januar 2026 bei einem Verkehrsunfall mit einem LKW tödlich verunglückt ist. Es ist bereits das fünfte Ghost Bike in Gelsenkirchen – ein weiteres Mahnmal für die Gefahren im Straßenverkehr.

Das Ghost Bike wurde vom Allgemeiner Deutscher Fahrrad-Club (ADFC) aufgestellt. Die Aktion soll an das getötete Kind erinnern, den Angehörigen Raum für Trauer geben – und zugleich deutlich machen, wie unsicher der Straßenverkehr insbesondere für Radfahrende und Kinder ist.

Bei der stillen Gedenkaktion waren Freundinnen, Freunde und Familienangehörige des Mädchens anwesend. Der ADFC hielt eine angemessene und mitfühlende Ansprache. Umso bedrückender war, dass weder Vertreterinnen und Vertreter der Stadtverwaltung noch der lokalen Politik vor Ort waren. Ein solches Schweigen wird der Tragweite dieses Ereignisses nicht gerecht.

Der tödliche Unfall ist kein „tragischer Einzelfall“. Er ist Ausdruck einer Verkehrspolitik, die weiterhin auf das Leitbild der autogerechten Stadt setzt – mit fatalen Folgen. Es wird Zeit, dieses Leitbild endlich hinter uns zu lassen und die Sicherheit von Menschen über den ungehinderten Autoverkehr zu stellen.

Dass es anders geht, zeigt ein Blick nach Helsinki. In der finnischen Hauptstadt mit rund 690.000 Einwohnerinnen und Einwohnern gab es seit über einem Jahr keinen einzigen Verkehrstoten. Möglich wurde das durch konsequente Maßnahmen im Sinne von Vision Zero: Auf mehr als der Hälfte aller Straßen gilt Tempo 30, insbesondere in Wohngebieten und im Zentrum. Die Einhaltung wird systematisch kontrolliert.

Hinzu kommt eine langfristige, datenbasierte Verkehrsplanung: ein dichtes Radwegenetz, sichere Fußgängerüberwege, intelligent gesteuerte Kreuzungen, verengte Fahrbahnen und mehr Bäume im Straßenraum, die automatisch zu langsamerem Fahren führen. Während Helsinki Ende der 1980er-Jahre noch rund 30 Verkehrstote pro Jahr zählte, wurden 2024 „nur“ noch 277 Unfälle mit Verletzten registriert – ohne einen einzigen tödlichen Ausgang. Zum Vergleich: In Frankfurt am Main, einer Stadt vergleichbarer Größe, starben im vergangenen Jahr 17 Menschen im Straßenverkehr. Diese Zahlen zeigen: Verkehrssicherheit ist keine Frage von Schicksal, sondern von politischem Willen. 

Das fünfte Ghost Bike darf nicht einfach zur Kenntnis genommen werden. Es ist ein stiller, aber unübersehbarer Appell: Für eine Stadt, in der Kinder sicher Rad fahren können – und in der kein weiteres weißes Fahrrad mehr aufgestellt werden muss.

Wer sich die Kreuzung an der Unfallstelle anschaut, wird das hohe Verkehrsaufkommen bemerken. Auf der Ringstraße fahren täglich 35 000 Autos durch die Stadt. Vor allem schwere Lkw biegen hier auf die Wildenbruchstraße ab, sie wollen zum Schalker Verein. Hier ist rund um die Europastraße ein Gewerbegebiet entstanden, dass rund um die Uhr angefahren wird. Wer in der Kommunalpolitik auf Logistik setzt, der akzeptiert ein hohes Verkehrsaufkommen, schlechte Luftqualität, Lärmbelästigung und Gefahren im Straßenverkehr. Auf dem Gelände rund um das Schalthaus entsteht die neue Gesamtschule. Hier werden sich schon bald jeden Tag mehr als 1000 Schüler auf den Weg machen. Der Weg dahin ist für Radfahrer gefährlich. Der Radweg auf der Wildenbruchstraße ist in einem schlechten Zustand, hat viele Lücken und ist baulich nicht von der Straße getrennt. Auf der 2019 fertig gestellten Europastraße war schon in der Planung kein Radweg vorgesehen.

Ohne Tempo-30-Regelung, sichere Radwege, Querungshilfen und klare Schulwegsicherung entsteht ein gefährlicher Widerspruch zwischen Bildungspolitik und Verkehrsplanung – den am Ende die Kinder ausbaden. Es ist Zeit für Vision Zero in Gelsenkirchen

 

Infokasten

In vielen strukturschwachen Kommunen gilt die Ansiedlung von Logistikunternehmen als vermeintlicher Ausweg aus Arbeitslosigkeit und Haushaltsnot. Große Hallen, schnelle Genehmigungen und das Versprechen neuer Jobs erscheinen auf den ersten Blick attraktiv. Bei genauerem Hinsehen zeigt sich jedoch: Ein einseitiger Fokus auf Logistik ist kurzsichtig und verschärft bestehende Probleme. Gleichzeitig gehen damit hoher Flächenverbrauch, zusätzlicher Lkw-Verkehr, Lärm- und Umweltbelastungen sowie steigende Infrastrukturkosten für die Kommunen einher. Zudem entstehen häufig prekäre Arbeitsverhältnisse mit niedrigen Löhnen und geringer regionaler Wertschöpfung, während die sozialen und ökologischen Folgekosten bei der Stadtgesellschaft verbleiben.